Unterstützung für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf beim Übergang von der Schule ins Berufsleben - Österreich im internationalen Vergleich
Gottfried Wetzel

In der öffentlichen, politischen und auch wissenschaftlichen Diskussion der letzten Jahre lässt sich eine verstärkte Aufmerksamkeit für den Übergangsprozess Jugendlicher mit SPF von der Schule ins Erwerbsleben feststellen. Hintergrund dafür sind u.a. zunehmende Integrationserfolge im schulischen Bereich, welchen allerdings nach wie vor defizitäre Integrations- chancen am Arbeitsmarkt gegenüberstehen. Zielgruppe von “Übergangs-Maßnahmen” sind SchulabgängerInnen mit SPF und arbeitssuchende Jugendliche mit beschäftigungsrelevanten Behinderungen (d.h. auch sozial benachteiligte Jugendliche bzw. “schwierige Kids”) zwischen 13 und 25 Jahren, die aufgrund verschiedener Handicaps nur mit kontinuierlicher Unterstützung und Begleitung die berufliche Integration schaffen können. Denn das bekannte und gewohnte Lebensumfeld der Schule muss verlassen werden, Informationen müssen eingeholt und Interessen identifiziert werden, die Entscheidung für eine weitere Ausbildung oder einen Beruf muss getroffen und ein passender Ausbildungs- oder Arbeitsplatz gesucht und gefunden werden. Viele der Jugendlichen und deren Familien sind ohne Unterstützung dabei jedoch überfordert.

Zur strukturellen Ausgestaltung der Schnittstelle zwischen Schule und Arbeitswelt wurden wir vom Bildungsministerium beauftragt, internationale Erfahrungen und Ansätze des Überganges aufzuarbeiten, um dadurch die österreichische Diskussion anzuregen und zu befruchten (Wetzel & Wetzel 2001).

Die Untersuchung erstreckte sich dabei auf die Phase vor dem Schulende, die Übergangsphase und jene nach dem Schulaustritt, wobei die einschlägigen nationalstaatlichen Erfahrungen auch in den Bezugsrahmen der Europäischen Gemeinschaftsebene gestellt wurden (vgl. Europäische Kommission 1998). Es galt erprobte/bewährte spezifische oder allgemeine nationale Maßnahmen (in der diese Gruppe explizit angeführt ist) zur Verbesserung des Übertritts in das Erwerbsleben in exemplarisch ausgewählten Ländern herauszufinden. Als Vergleichsländer wurden dabei das Vereinigte Königreich, Dänemark, Schweden, die Niederlande und die USA herangezogen.

Auch Hierzulande sind Jugendliche mit SPF im Übergangsprozess vergleichsweise überdurchschnittlich mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert:

Was machen andere Länder anders?
Die USA haben seit 1994 ein eigenes Gesetz, das die Übergangsphase regelt (U.S. Department of Education. 1994). Es müssen Jugendliche mit Behinderungen bei einem Übergang in die Berufsschule dieselben Möglichkeiten wie all die anderen zur Verfügung gestellt bekommen plus ergänzende Unterstützungsleistungen, die notwendig sind, um diese Phase erfolgreich zu bewältigen. Diese beziehen sich auf den Lehrplan, die Ausstattung, Abänderungen im Unterricht, unterstützendes Personal, Unterrichtshilfsmittel und Geräte.
Bereits vor dem Ende der Pflichtschulzeit sind individuelle Karrierepläne verpflichtend: Interessen, Bedürfnisse und Kompetenzen gilt es abzuklären und daran anknüpfend einen individuellen Förderplan (´Individualized Transition Educational Plans´) zu erstellen. Entsprechende ‚Karriereentscheidungen‘ erfolgen gemeinsam mit den betroffenen Jugendlichen, deren Familie, dem Lehrpersonal sowie gegebenenfalls unter Beiziehung von speziellen ExpertInnen (vgl. LaufbahnberaterInnen in Schweden). In den USA muss beginnend mit 14 Jahren (und dann jährlich aktualisiert) ein Gutachten von Bedürfnissen hinsichtlich Transition-Dienstleistungen erstellt werden. Spätestens ab dem 16. Lebensjahr muss ein ´transition service´ (Integrationsassistenz) begonnen werden. Nicht die Jugendlichen werden an “klassische Behindertenberufe” wie Tischler, Schlosser, Gärtner, Küchengehilfe ... angepasst, die oft in die in Arbeitslosigkeit führen, sondern anhand von Interessen werden (Nischen-)Arbeitsplätze gesucht. Die Jugendlichen werden vor Ort weiter qualifiziert nach dem Motto ´placement before qualification´. Abgestufte Programme mit mehr oder weniger Intensität an Betreuung werden angeboten, zwischen denen gewechselt werden kann. Die Begleitung am Arbeitsplatz – so dies bei uns überhaupt angeboten wird – ist nicht zeitlich befristet; Job Coaches können sogar auf Lebenszeit gewährt werden.
Neben einer gesetzlichen Grundlage gilt es die Bedeutung von klaren Zuständigkeiten zu betonen; dies sowohl in personeller als auch finanzieller Hinsicht, um die Bedingungen für eine effektive Umsetzung von Übergangsmaßnahmen zu schaffen. Ziel sollte es sein Unübersichtlichkeiten, Doppelgleisigkeiten, Kompetenzabgrenzungsprobleme und Unsicherheiten im Interesse aller Beteiligten zu vermeiden. So unterfertigen in Großbritannien die lokalen dezentralen Organisationen (´transition services´) einen Vertrag mit dem Ministerium (vgl. DfEE 1998). In einem Grundlagenkatalog sind wesentliche Prinzipien der Arbeit, Anforderungen, Qualitätssicherungsaspekte etc. definiert. Die lokalen Organisationen wiederum gehen ein Abkommen mit der Schule bzw. der/dem Jugendlichen bis zum Ende der Übergangsphase ein (in GB bestehen bei Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf keine altersmäßigen Beschränkungen der Maßnahmen).
Dänemark verfügt über ein Kurator-Modell (vgl. z.B. Boyd-Kjellen 1991), dessen Aufgabe u.a. darin besteht, Kinder mit Lernschwierigkeiten im Schulalltag zu begleiten. Kinder haben dabei grundsätzlich während der Schulzeit ein Recht auf diese Begleitung, nach Beendigung der Schule können sich Jugendliche an den Kurator wenden. So haben die skandinavischen Länder in ihren Ausbildungen auch einen stärkeren Berufsbezug (Career Counselling/Laufbahnberatung, Berufserkundigung wie mehrere Betriebspraktika und Schnupperlehren etc., in denen ein realistisches Bild über Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten vermittelt werden soll) auch für SchülerInnen mit SPF in integrativen Schulklassen in der Sekundarstufe II.
In Schweden bieten die LaufbahnberaterInnen (vgl. z.B. Linder 1997) workshops für SchülerInnen in Gruppen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren an und entwickeln einen Karriereplan in einer Intensivwoche um Berufsinteressen zu identifizieren, abzuklären und Umsetzungsmöglichkeiten zu diskutieren. Für Erwachsene mit geistigen Behinderungen über 20 Jahren gibt es spezifische Erwachsenenbildungsprogramme. 4000 haben im Schuljahr 1997/98 daran teilgenommen. Die Ziele richten sich nach den Fähigkeiten und Möglichkeiten der TeilnehmerInnen, auch gezielt zu einer selbständigen Lebensführung. In Österreich mangelt es an bildungsmäßigen Nachreifungsprogrammen für junge Erwachsene mit SPF, die z.B. auch noch mit 20 oder 25 Jahren das Bedürfnis haben sich weiterzubilden.

Es gilt möglichst viele flexible weiterführende Ausbildungsmodelle (hinsichtlich Umfang, Dauer, Schwierigkeitsgrad und Umfang an Theorie vs. Praxis) zur Verfügung zu stellen. Kurssysteme (vgl. auch die Niederlande) haben den Vorteil, dass individuelle Programme zusammengestellt werden können. Bewährt haben sich vor allem duale Systeme mit abgestuften Schwierigkeitsgraden (Bildungsabschlüsse angepasst auf die individuellen Interessen und Möglichkeiten der SchülerInnen wie Teilqualifizierungslehren). Die Vorlehre in Österreich gewährt zwar mehr Zeit für die Ausbildung, aber keine Flexibilisierung der Inhalte. Bisher gemachte positive Erfahrungen mit Verbalbeurteilungen in der Grundschule, könnten auch hier Anwendung finden. Solche flexible Maßnahmen könnten auch parallel zu einer bereits begonnenen Teilzeitbeschäftigung Anwendung finden. Dazu wurden auch in Österreich bereits Konzepte entwickelt – auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, wie z.B. die “Offene Lehre” von Schindler (2000) oder die “Teilqualifizierungslehre” von Rutte & Rosenkranz (1999).

Es fällt auf, dass in anderen Ländern keine eigenen ´Clearing-Stellen´ vorkommen. Dies ist eine österreichische Erfindung. Darunter läuft zur Zeit sehr vieles; Anregungen, die aus anderen Ländern übernommen wurden wie ´Übergangsförderpläne´, aber auch gelegentlich ein “Absahnen” von bestimmten leichter vermittelbaren Jugendlichen (´Clearing´ wird mit “Creaming” verwechselt). Ein großmaschiges Netz wird ausgeworfen, um vorgegebene Quoten für weitere Förderungen zu erfüllen. Zu berücksichtigen gilt, dass die Jugendassistenz-Vereine unter Erfolgsdruck stehen, weiter Förderungen zu erhalten.

Bei allen gegebenen nationalen Unterschieden im Hinblick auf die konkreten Maßnahmen und gegebenen Strukturen lassen sich in verschiedenen Ländern zentrale Merkmale /Prinzipien für eine erfolgsversprechende institutionelle Ausgestaltung der Übergangsphase ableiten, welche teils in engem Zusammenhang zueinander stehen:

Die Beständigkeit der Dienstleistung soll hier noch eigens betont werden: Kontinuierliche Karrierepläne sind ein zentraler Teil der Beständigkeit der Begleitungsmaßnahmen: planvolles Vorgehen, koordinierte Übergabe von der Schule an die Arbeitsmarkteinrichtungen bzw. Übergangs-BetreuerInnen vor Ort. Es muss bei Schulaustritt klar sein, wer nun was in Zukunft macht und wofür zuständig ist. Übergangsbegleitung muss aber auch als längerfristiges Projekt verstanden werden, um nachhaltige Unterstützung zu gewährleisten. Insbesondere wenn Probleme bei der beruflichen Integration auftreten oder sich etwa individuelle Lebensumstände oder berufliche Wünsche verändern, erscheint ein rasches Reagieren bzw. die Wiederaufnahme oder Intensivierung der Betreuung sinnvoll und notwendig. Bei Erfolg der beruflichen Integration genügt ein loser Kontakt.

Ablauf und mögliche Aufgaben der Integrationsassistenz
Es werden hier nur Bereiche erwähnt, die bisher – in der Diskussion und/oder praktischen Umsetzung – zu wenig Berücksichtigung fanden und finden :

Da in Österreich für Integrationsfachdienste noch keine gezielte Aus- und/oder Weiterbildungen angeboten werden, soll stichwortartig das berufsbegleitende Qualifizierungsangebot für IntegrationsassistentInnen von Doose (2001) dargestellt werden. Inhalte sind u.a. Resümee: Es gibt noch viel zu tun, damit aus der ´Schnittstelle´ Schule - Beruf eine ´Nahtstelle´ wird, wie die offene Frage der Integration nach der 8. Schulstufe, der mittelfristigen Absicherung der Jugendassistenz und einer entsprechenden Aus- und Weiterbildung der in diesen Projekten Tätigen. Dennoch kann deutlich festgestellt werden, dass Österreich in diesem Bereich in den letzten Jahren stark aufgeholt hat.

Literatur :

Boyd-Kjellen, G. (1991). The Kurator System in Denmark. In: OECD. Disabled Youth: From School to Work. Paris. S. 17-24.

DfEE (Ministerium für Bildung und Arbeit). 1998. The Careers Service. The Requirements and Guidance for Careers Service.

Doose, St. (2001). Qualifizierung und Fortbildung von IntegrationsberaterInnen in Integrationsfachdiensten. Barlsen, J. & Homeyer, J. (Hrg.). Integrationsfachdienste. Neue berufliche Chancen für Menschen mit Behinderungen: unterstützte Beschäftigung im System der beruflichen Rehabilitation. Düsseldorf: Verlag Selbstbestimmtes Leben. S. 229-254.

Europäische Kommission (1998). Das Beschäftigungsniveau von Menschen mit Behinderungen anheben – eine gemeinsame Herausforderung. Arbeitspapier der Kommissionsdienststellen. SEK(1998)1550.

Fasching, H. (2000). Arbeitsassistenz Kärnten und Integrationsfachdienst für berufslernbeeinträchtigte Jugendliche. In: impulse Nr. 15. (http://bidok.uibk.ac.at/texte/imp15-00-autark.html)

Greinix, A. (1999). Was kommt nach der Hauptschule? alpha nova compass zeigt neue Wege. In: Integration in der Praxis, 11,16-18. Wien.

Lebenshilfe Österreich (2002). Clearing – Und weiter? Endbericht.

Leichsenring, K.; Strümpel, Ch. (1997). Berufliche Integration behinderter Menschen. Innovative Projektbeispiele aus Europa. Wien.

Linder, H. (1997). Übertritt in das Erwerbsleben und Beschäftigung von behinderten Jugendlichen in Schweden. In: Europäische Kommission. Beschäftigung und Integration von Menschen mit Behinderungen. Bericht über die Sondersitzung der Gruppe hochrangiger, für Behindertenfragen zuständiger Vertreter. 15.10.1997. Brüssel.

Niedermair, C.; Tschann, E. (1999). ‚Ich möchte arbeiten‘ – Der Unterstützungskreis. In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 4/5. (http://bidok.uibk.ac.at/texte/beh4-00-arbeiten.html)

Rutte, V.; Rosenkranz, T. (1999). Integration von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf dem Lehrausbildungsplatz und in die Berufsschule. (http://bidok.uibk.ac.at/texte/rutte-berufsschule.html)

Schindler, R. (2000). Offene Lehre – Offene Schule. Die Zeit ist reif für die Reform der Berufsausbildung! In: Betrifft:Integration. 2,10-12. Wien.

Specht, W. (2001). Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an der Nahtstelle Schule – Beruf. Schulorganisation und Pädagogik am Ende der Pflichtschulzeit. In: Specht, W., Wetzel, G., Wetzel, P. & Rutte, V. (Hrg.). Jugendliche mit Behinderungen zwischen Schule und Beruf - Berichte aus dem ´Projekt Schnittstelle: Schule - Arbeitswelt - Soziale Integration´. Forschungsbericht 29. Graz: Zentrum für Schulentwicklung/ BM:BWK.

U.S. Department of Education (1994). School-to-Work Opportunities Act of 1994. (http://www.stw.ed.gov/factsht/act.htm)

VHS Meidling. (1999). Berufliche Integration behinderter Menschen. Projekte in Österreich. Wien.

Wetzel, G. & Wetzel, P. (2001). Betreuung behinderter Jugendlicher an der Schnittstelle von Schule und Beruf – eine internationale Vergleichsstudie. In: Specht, W., Wetzel, G., Wetzel, P. & Rutte, V. (Hrg.). Jugendliche mit Behinderungen zwischen Schule und Beruf - Berichte aus dem ´Projekt Schnittstelle: Schule - Arbeitswelt - Soziale Integration´. Forschungsbericht 29. Graz: Zentrum für Schulentwicklung/ BM:BWK.

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