Der Arbeitsmarkt von Jugendlichen mit Behinderungen in Österreich
Tom Schmid

Die allgemeine Arbeitsmarktlage in Österreich
Der österreichische Arbeitsmarkt stellt sich insgesamt nach wie vor recht günstig dar. Das ungebrochene Wachstum der unselbständigen Beschäftigungsverhältnisse setzt sich (jedoch auf Grund des Konjunktureinbruches ab dem Jahr 2002 deutlich gebremst) nach wie vor fort, die Arbeitslosigkeit ist relativ gering (hinter Luxemburg und den Niederlanden an der drittbesten Stelle in der EU).

Der Österreichische Arbeitsmarkt des Jahres 2002 im Überblick:

Problemgruppen am Arbeitsmarkt
Gemessen am Risiko, von Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich betroffen zu werden bzw. überdurchschnittlich oft von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen zu sein, ergeben sich folgende Problemgruppen am österreichischen Arbeitsmarkt: Allerdings sind ältere Arbeitslose faktisch nur sehr bedingt als “Problemgruppe” zu bezeichnen, da sich beim Großteil der Betroffenen hinter dem Terminus “Langzeitarbeitslosigkeit” eine betriebliche oder kollektivvertragliche Vereinbarung verbirgt, die (durch zusätzliche Zahlungen, etc.) als “Pensionswarteschleife” oder “Vorruhestand” bezeichnet werden kann. Dies kann natürlich als kollusive Vereinbarung von Dienstgeber und Dienstnehmer auf Kosten der Arbeitslosenversicherung verstanden werden.

Bei (allein erziehenden) Müttern und mobilitätseingeschränkten Frauen ergibt sich das Problem einer dauerhaften schweren Vermittelbarkeit dadurch, dass die (täglichen und wöchentlichen) Zeiten, in denen Erwerbsarbeit möglich ist, nicht mit den Erwartungen und Anforderungen des Arbeitsmarktes übereinstimmen. Neben den klassischen elterlichen Betreuungspflichten, die Erwerbsbeteiligung in der Regel von den Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen bzw. Schulen abhängig machen, sind es aber auch die schlechten Verbindungen des ÖPNV im ländlichen Raum (in vielen Familien gibt es nur ein Auto, das in der Regel vom Mann genutzt wird), die einen Arbeitsplatz (zu den vom Dienstgeber gewünschten Zeiten) außerhalb des Wohnortes nur beschränkt erreichbar machen.

Bei BerufswiedereinsteigerInnen, insbesondere nach langer Abwesenheit vom Arbeitsmarkt sind genau wie bei zu gering oder falsch qualifizierten Personen die Qualifikationsdefizite als vermittlungshemmend zu betrachten. Hier können unterstützende Qualifizierungsmaßnahmen aber relativ leicht Abhilfe schaffen.

Schwieriger zu integrieren sind jedoch Personen mit besonderen Problemen, etwa wohnungslose oder überschuldete Personen oder Personen mit einer Alkohol- oder Suchtkrankheit. Hier besteht ein komplexer Vermittlungsbedarf, denn in der Regel müssen vorerst komplexe Probleme bearbeitet (z.B. muss das Leben wieder stabilisiert und/oder eine Wohnung gefunden werden) werden, bevor an eine Vermittlung auf den Arbeitsmarkt gedacht werden kann. Bei überschuldeten Personen kommt hinzu, dass die Wiederaufnahme eines geregelten Erwerbslebens oft mit sofortiger Lohnpfändung verbunden ist, was eine weder für den/die DienstgeberIn noch für den/die DienstnehmerIn attraktive Situation schafft. Bei ArbeitsmigrantInnen kommt neben den genannten Defiziten und den oft geringen Sprachkenntnissen auch das Problem eines ungeklärten legalen Aufenthaltsstatus oder einer (fehlenden) Beschäftigungsbewilligung hinzu.

Gegenüber behinderten oder dauerhaft kranken Menschen entzieht sich der Arbeitsmarkt (mit Ausnahme jener Fälle, wo dies durch erhöhten Kündigungsschutz nicht möglich ist) weitgehend. Neben den Ängsten der DienstgeberInnen, die durch den Kündigungsschutz vermittelt werden (“den/die werde ich ja nicht mehr los”) befürchten Personalverantwortliche auch höhere Lohnnebenkosten (bedingt vor allem durch längere und/oder häufigere Krankenstände), Störungen im Arbeitsablauf und Probleme mit anderen DienstehmerInnen.

Nahezu unvermittelbar sind arbeitssuchende Personen mit einem bestehenden Kündigungsschutz; so lassen sich schwangere Frauen oder Präsenzdiener mit gültigem Einberufungsbefehl wegen der absoluten Kündigungshemmung ab Einstellungsdatum (auch bei “befristeten” Dienstverhältnissen) nahezu nicht vermitteln; nahezu ebenso schwer vermittelbar sind begünstigt behinderte Personen nach dem Behinderten-Einstellungsgestez, das einen erhöhten Kündigungsschutz für Personen mit einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 50 oder mehr Prozent ab einer Betriebszugehörigkeit von 6 Monaten vorsieht. Während dieser Kündigungsschutz für begünstigt behinderte Personen mit aufrechtem Dienstverhältnis ein tatsächlicher Schutz ist, ist er für arbeitssuchende behinderte Menschen eine tatsächliche Erwerbshemmung.

Bei einem durchschnittlichen Stellenandrang von 10,02 im Jahresschnitt 2002 (auf jede beim Arbeitsmarktservice gemeldete offene Stelle kommen 10,02 arbeitssuchend erfasste Personen) können es sich die DienstgeberInnen in der Regel aussuchen, welche arbeitssuchende Person sie anstellen. Im Sinne der Riskenverminderung werden daher in der Regel Personen mit Vermittlungsproblemen schlechtere Karten haben als arbeitssuchende Personen ohne zusätzliche Problemlagen. Dieser etwas globale Befund ist jedoch nach Regionen, Branchen und sozialen Gruppen zu differenzieren.

Jugendarbeitslosigkeit
Die Jugendarbeitslosigkeit (15 – 24 Jahre) stieg im Jahr 2002 um 18,4 % an (Anstieg der Gesamtarbeitslosigkeit + 14,0%), die Arbeitslosenrate der Jugendlichen betrug im Jahr 2002 im Schnitt 7,0 % (österreichische Gesamtarbeitslosenrate 6,9%). Die Arbeitslosenrate der männlichen Jugendlichen betrug 7,4%, die der weiblichen 6,5%. In der Altersgruppe der 19- bis 24-Jährigen lag sie mit 8,4% deutlich über dem Schnitt, während sie in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen nur 3,3% betrug.

Dieser Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit war trotz eines erheblichen Zuwachses der Schulungsmaßnahmen des AMS für Jugendliche zu verzeichnen. Auch die bereits im Jahr 2001 konstatierte negative Entwicklung des Lehrstellenmarktes hat auch 2002 angehalten. Im Vergleich zu 2001 verringerte sich der Bestand an (sofort verfügbaren) Lehrstellen um 5,9%, während die (sofort verfügbaren) Lehrstellensuchenden um 12,8% anstiegen.

Regionale Besonderheiten
Der österreichische Arbeitsmarkt weist große regionale Besonderheiten auf. Insbesondere bemerkenswert ist die starke saisonale Prägung: Mehr als ein Drittel der Arbeitslosigkeit wird von den beiden Saisonbranchen Tourismus und Bauwirtschaft verursacht, was sowohl die starken saisonalen Schwankungen (so ist die durchschnittliche Arbeitslosigkeit im Juli nahezu halb so groß wie die im Februar) wie die breite regionale Streuung erklärt. Insbesondere in den Tourismusregionen (Westösterreich) ist nach wie vor ein Großteil der Arbeitslosigkeit nur saisonell verursacht.

Für Niederösterreich (und das Burgenland) gibt es starke regionale Unterschiede, was die Qualität des Arbeitsmarktes betrifft; insbesondere die strukturschwachen Gebieten (Waldviertel, Teile des Weinviertels, südliches Burgenland) zeigen den hohen Einfluss der Mobilität auf die Chancen, einen Arbeitsplatz zu erlangen bzw. zu erhalten. Die Vermittlungsmöglichkeiten von Menschen mit besonderen Problemen am Arbeitsmarkt (Schwervermittelbarkeit, siehe oben) sind in strukturschwachen Regionen deutlich stärker, wobei den Faktoren Mobilität und Bildung besonderes Gewicht zukommt.

Situation Jugendlicher mit Behinderung am Arbeitsmarkt
Insgesamt hat sich die Situation von Menschen mit Behinderungen am österreichischen Arbeitsmarkt im Jahr 2002 gegenüber 2001 durchschnittlich günstiger entwickelt als der gesamte Arbeitsmarkt. Das ist auch an einem Anstieg der Arbeitslosigkeit von 4,3% für (begünstigte) Behinderte (Gesamtanstieg der Arbeitslosigkeit in Österreich 14,0%) abzulesen. Diese Entwicklung ist angesichts der rückläufigen Schulungsaktivitäten des AMS für Menschen mit Behinderungen bemerkenswert und nur durch die positiven Effekte der Beschäftigungsinitiative der Bundesregierung (“Behindertenmilliarde”) zu erklären.

Die Schwerpunktsetzung der seit dem Jahr 2001 wirkenden “Behindertenmilliarde” auf Jugendliche mit Behinderungen ist bereits im Jahr 2002 auch durch eine deutliche Entspannung in diesem Arbeitsmarktsegment zu erkennen, da eine Reihe spezieller Förderprogramme (z.B. Clearing, siehe auch den Beitrag von L. Prochazkova) für diese Personengruppe nun zum irken beginnt.

Dennoch sind Jugendliche mit Behinderungen eine am österreichischen Arbeitsmarkt deutlich benachteiligte Gruppe, insbesondere wenn sie auch noch in anderen Defizitbereichen (z.B. niedrige Qualifikation, strukturschwache Region, etc.) leben. Entsprechende Aktivierungsmaßnahmen stehen daher weiter auf der Tagesordnung.

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