Protokoll AG 2/3 - 26./27.6.03 Teil Selbstbestimmung

In der Annäherung an ein gemeinsames Verständnis des Begriffes “Selbstbestimmung” und mit der Idee hierfür ein Leitbild oder eine Kriterienliste zu erstellen wurde zunächst ein brainstorming dazu durchgeführt. Alle TeilnehmerInnen schrieben ca. 3 Begriffe / Beschreibungen auf, die ihnen zu Selbstbestimmung einfielen. Etwas sortiert wurde dabei folgendes formuliert:

Allgemeine / programmatische Ideen zu Selbstbestimmung:

Konkretisiert auf die verschiedenen AkteurInnen bei der Verwirklichung von Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen:

Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung(en):

Aufgaben / Rolle von Eltern bzw. Professionellen auf pädagogischer und sozialpolitischer Ebene: Nicht zuletzt diese erste Stichpunktsammlung zu Selbstbestimmung hat deutlich gemacht, dass Definition und Konkretion immer in Beziehung zur Perspektive beteiligter AkteurInnen steht. Wir haben daraufhin unsere unterschiedlichen Positionen und Perspektiven als Menschen mit Behinderungen, Familienangehörige oder FreundInnen, als sozialpädagogisch, sozialwissenschaftlich oder sozialpolitisch Arbeitende und als ArbeitgeberInnen und KollegInnen zunächst bei uns selbst festgestellt.

Bei der Analyse von Interviewtextausschnitten und in einer Zeitschrift veröffentlichter Statements haben sich unterschiedliche Sichtweisen zu Selbstbestimmung ergeben, die ebenfalls von den verschiedenen Positionen abhängig sind und die hier zusammenfassend dargestellt sind. Grundlage hierfür sind:

Perspektiven:

Die Perspektiven, aus denen die Gedanken zu Selbstbestimmung beschrieben werden sind abhängig

Grenzen von Selbstbestimmung:

Die Diskussion um Grenzen der Selbstbestimmung ist ein zentrales Thema von Professionellen und Eltern. Angesprochen werden:

Grenzen von Selbstbestimmung sind in den Äußerungen der jungen Menschen mit Behinderungen im Gegensatz zu Eltern und Professionellen kein Thema. Sie erzählen zwar durchaus zahlreiche Erfahrungen, in denen sie durch äußere Bedingungen begrenzt wurden, doch in ihrem Entwurf und Ideal von Selbstbestimmung werden diese nicht thematisiert. Dieser auffällige Unterschied zwischen Hauptbetroffenen und ihrem sozialen und professionellen Umfeld ist nicht unbedingt mit den Behinderungserfahrungen zu erklären, sondern kann auch als allgemeiner Unterschied zwischen jungen Menschen, die am Beginn einer außerfamiliären / außerschulischen Lebensgestaltung stehen, und Eltern / Professionellen verstanden werden.

Wünsche / Bedürfnisse:

Anders als bei der Thematisierung von Grenzen fällt auf, dass die (jungen) Menschen mit Behinderung auf die Frage nach ihrer Vorstellung von Selbstbestimmung zuerst mit der Formulierung ihrer Wünsche und Bedürfnisse antworten.

Bei den Eltern sind die Wünsche ihrer Kinder viel weniger Thema, die Professionellen äußern sich etwas bedürfnisorientierter. Z.T. wird das Verhältnis von Wünschen und Grenzen zum expliziten Konfliktthema.

[Dies deckt sich mit den ersten Ergebnissen ausführlicher Analysen der narrativen Interviews. deutlich wird hier, dass für die jungen Menschen mit Behinderungen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse handlungsleitend sind, Professionelle und Eltern hingegen ihr Handeln mehr oder weniger an gesellschaftlichen / institutionellen Bedingungen und Grenzen orientieren.

Normalität:

Mehrfach wird von Personen aller Befragtengruppen Selbstbestimmung als Erreichen von Normalität formuliert, z.B.:

I: Mhm. --- Und wie stellen Sie sich vor, wie so ein - selbstbestimmtes

Leben für Sie aussehen wird?

A: Also, ganz normal wie -- also, ganz normal wie --- viele Menschen. Mal

'n Freund haben, heiraten, Kinder haben so, und Arbeit, also, - wie ganz normal - Leute.

Institutionalisierung von Lebensläufen:

Eine zentrale Alltagserfahrung von Menschen mit Behinderung ist (häufig) eine enge Anbindung an verschiedene Institutionen (Schulen, weiterführende institutionalisierte Bildungsmaßnahmen, Wohnheime, Krankenhäuser, Ämter etc.). Dies birgt für die Umsetzung von Selbstbestimmung Vor- und Nachteile. In den Interviews und Statements wurden folgende benannt:

Vorteile: Die Suche nach und Entwicklung von individuellen Bedürfnissen, Wünschen und Wahlmöglichkeiten kann im Rahmen z.B. von Bildungseinrichtungen gezielt (pädagogisch) unterstützt werden. Institutionen bieten Möglichkeiten für Selbständigkeitstrainings (Mobilitätstraining, Probewohnen u.a.)

Nachteile: Vorgaben und Abhängigkeiten erschweren die Suche nach eigenen Wünschen und deren Durchsetzung und blockieren z.T. die Selbstbestimmung. Es entstehen extremere Abhängigkeitsverhältnisse. Auf diese Gefahren haben v.a. Menschen mit Erfahrungen in Werkstätten und Wohneinrichtungen hingewiesen.

Forderungen an pädagogische Praxis:

Zur Perspektive von Menschen mit körperlichen Behinderungen ein ergänzender Literaturhinweis:

Anne Waldschmidt: Selbstbestimmung als Konstruktion. Alltagstheorien behinderter Frauen und Männer, Opladen 1999

Eine zusammenfassende Ergebnisdarstellung dieser auf fünf Interviews basierenden Untersuchung findet sich auch in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 8/2003, S. 13-20: http://www.bpb.de/publikationen/QBYGJ5,0,0,Selbstbestimmung_als_behindertenpolitisches_Paradigma_Perspektiven_der_Disability_Studies.html

In der sich anschließenden Diskussion in der Arbeitsgruppe ging es um Kriterien / Definitionen, Perspektiven und Chancen und Grenzen bei der Umsetzung von Selbstbestimmung. Kurz zusammengefasst die Diskussionspunkte / andiskutierten Kriterien für Selbstbestimmung:

Ergebnisse / Weiterarbeit der AG 2/3 zu Selbstbestimmung:

Die Diskussion soll im September in Brno und teilweise in den EPs weitergeführt werden.

Denkbare Ergebnisse könnten sein:

1) eine gemeinsame Definition von Selbstbestimmung

2) ein Kriterienkatalog: Hierfür ist die obige Diskussionszusammenfassung ein erster Ansatz >>> Bitte ergänzen!

3) Leitfragen entwickeln: z.B. Welches Rollenverständnis haben wir in unseren verschiedenen Positionen und aus unseren unterschiedlichen Perspektiven? Wann bestimme ich aus welcher Rolle / Position über wen?

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